By your side-by Shingel

Zerissen

Eine leichte Sommerbrise wehte ihm durch die Haare und er senkte den Kopf. Langsam schob er sein BMX-Rad neben sich her und schlenderte zur Bushaltestelle. Als der Bus kam stellte er sein Rad an die Wand und setzte sich auf einen Sitz daneben. Müde lehnte er seinen Kopf an die kühle Fensterscheibe und beobachtete die vorbeiziehende Landschaft, soweit es möglich war, denn es war schon fast ganz dunkel. Obwohl er den Bus und alles genau wahrnahm, wanderten seine Gedanken wieder zu ihr. Ihr, die eigentlich seine Freundin war und das schon seit 1 ½ Jahren. 1 ½ Jahre voller Glück, voller Leidenschaft, aber vor allem voller Liebe. Und auch, wenn sie sich immer noch gegenseitig ihre Liebe schworen, spürte Tom, dass es auseinander ging. Er konnte fast dabei zusehen, wie sie sich immer mehr entfernte. Mehr noch. Er wusste, dass sie ihn betrog. Er wusste, dass sie in letzter Zeit nicht „mal wieder ihrer Mutter helfen“ musste oder „heute Abend babysitten“ war. Er wusste, dass sie auf Partys ging, zu Freunden. Er wusste, dass sie mit anderen Kerlen schlief. Und er wusste, dass sie nach etwas suchte, was er ihr nicht geben konnte. Doch er wusste auch, dass er sie liebte. Er liebte sie mit allem, was er hatte, was ihm etwas bedeutete. Sie war sein Leben, und er wusste nicht, ob er auch ihres war. Kraftlos erhob er sich von dem Sitz, trug sein Rad aus dem Bus und schlenderte nach Hause.

 

Ja, sie war sein Leben – außer seinem Bruder gab es keinen Menschen, der ihm soviel bedeutete – und er liebte sie zu sehr. Zu sehr, dass er sie gehen ließ. Zu sehr, dass er den ganzen Schmerz, den sie ihm zufügte, freiwillig ertrug. Er lehnte sein Rad gegen die Hauswand und schloss leise die Haustür auf. Drinnen war schon alles dunkel, nur durch die angelehnte Wohnzimmertür schien noch Licht. Doch er verzichtete darauf, hinein zu gehen und ging sofort die Treppe hoch in sein Zimmer. Unendlich langsam zog er sich aus, ging dann ins Bad, und legte sich schließlich in sein Bett. Doch obwohl er todmüde war, konnte er nicht schlafen. Wieder lag er lange wach – wegen ihr. Wieder schaffte er es erst nach Stunden, endlich einzuschlafen – nicht ohne dabei an sie zu denken. Und wieder wurde er am nächsten Morgen von seinem Wecker geweckt und war so müde – weil sie ihm die Kraft nahm. ****
„Und wie war’s gestern?“, fragte sein Bruder, während sie zusammen über den Schulhof liefen.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie immer.“
„Oh.“ Bill wusste, wie es in Toms Beziehung abging und was Tom für seine Freundin opferte. Wenn man es denn wirklich Freundin nennen konnte.
„Ich hab einfach keinen Plan was ich noch machen soll“, seufzte Tom und vergrub die Hände in die Taschen seiner übergroßen Hose.
„Ich weiß es auch nicht, Tom. Wahrscheinlich ist sie mir ein noch größeres Rätsel als dir.“ Tom nickte nur und sah sich um. Und plötzlich stand sie da. Mit ihren Freundinnen stand sie neben dem Schuleingang und lachte gerade. Sie sah perfekt aus, wie immer. Eine Traumfigur, makellose Kleidung, ein wunderschönes Gesicht. Das war sie.  Melina.  Tom konnte einfach nicht verstehen, warum sie das alles mit ihm abzog. Wollte sie nur einen Freund, damit sie zur Not wen hatte, oder liebte sie ihn wirklich noch? Er wusste es nicht.
 Zufällig sah sie in seine Richtung, strich sich verlegen das Haar hinters Ohr und wandte sich wieder an ihre Freundinnen. Wieder zerbrach etwas in Tom, wieder kam in ihm dieses Gefühl auf, das er jedes Mal verspürte, wenn sie so mit ihm umging. Wieder kam er sich einsam vor, verlassen, hintergangen und ausgenutzt.
„Hey … lass sie …“, sagte Bill sanft.
„Was bleibt mir auch anderes übrig?“, erwiderte Tom niedergeschlagen. Sehnsucht machte sich in ihm breit, eine Sehnsucht, von der er wusste, dass sie vorerst nicht befriedigt werden würde. Er wusste, dass sie wieder den ganzen Tag nicht zu ihm kommen würde. Er würde kein Lächeln von ihr bekommen, das nicht verlegen oder lieb gemeint war, sondern nur entschuldigend. Ja, sie erwartete, dass er ihr verzieh. Und sie wusste, dass er es tat. Er tat es, aus Angst, sie sonst ganz zu verlieren.

****
„Boah wie ich ihn hasse! Holt der mich erstmal nach vorne und …“ Tom hörte dem Redeschwall seines Bruders kaum zu. Wie schon den ganzen Tag wartete er auf sie. Er wartete, dass sie zu ihm kam. Wartete auf einen Kuss von ihr, auf die Worte „Ich liebe dich“, nur für ihn. Er wartete darauf, dass sie ihn in den Arm nahm, wartete darauf, von ihrem Duft und ihrer Wärme umhüllt zu werden, darauf, in ihre Augen sehen zu können, wartete auf die Frage „Wann hast du heute Zeit?“, auf den bettelnden Blick, wartete, dass er ihr antworten konnte „Ich dich auch“, wartete darauf, dass er sagen konnte „Ich hol dich ab!“, wartete darauf, dass sie ihn glücklich anlächelte, ihm einen Kuss gab, wegging, sich nochmal umdrehte, winkte und „Bis gleich!“ rief.
„Tooom!!“
„Was?“, schreckte er aus seinen Gedanken hoch.
„Du hörst mir gar nicht zu!“, sagte Bill beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Doch tu ich.“
„Was hab ich denn gesagt?“
„Dass du nach vorne geholt wurdest.“, antwortete er monoton. Bills Matheprobleme waren im Moment das wenigste, was ihn interessierte.
„Nein! Ja, auch, aber ich hab gesagt, dass …“ Heute war Mittwoch. Ihr Tag. Melina-und-Tom-Tag. Er hörte Schritte hinter sich. Viele schnelle Schritte. Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er kannte sie so gut, er erkannte sie schon an ihrem Laufen. „Tom?“ Ihre Stimme klang hektisch, und genauso hektisch kam sie auf ihn zu, als er sich umdrehte. Sie sah wunderschön aus. „Tom …“ Sie spielte verlegen mit dem Armband an ihrem Handgelenk. Fragend sah er sie an, hatte kein gutes Gefühl dabei.


Warum fühlt es sich so leer an, wenn du mit mir sprichst?
Warum fühlt es sich so leer an, wenn du bei mir bist?


Sie holte noch einmal tief Luft und sah ihm dann in die Augen. Er schluckte. Diesen Blick kannte er nicht, er war so kalt. „Tom … ich kann heute nicht!“
„Was?“ Mehr als ein ungläubiges Flüstern bekam er nicht raus.
„Es tut mir Leid ... ich … ich meld mich …“ Damit drehte sie sich um. Ohne eine Erklärung, warum sie nicht konnte, ohne sich zu verabschieden, ihn zu umarmen, ihn zu küssen.


Warum fühlt es sich so schwer an, wenn wir nichts mehr sagen?
Warum können wir nicht reden, nach so vielen Jahren?

****
Mit gesenktem Kopf lief er durch die Straßen. Es war nicht mehr weit bis zu dem Ort, an dem sie sich trafen. Hier trafen sie sich, jeden Mittwoch. Sie brauchten noch nichtmal mehr eine Uhrzeit auszumachen, sie kamen immer fast gleichzeitig an. Tom wusste nicht, warum er hier hinkam. Sie hatte ihm abgesagt. Vielleicht kam er, weil er dachte, sie wolle ihn überraschen. Es wäre nicht das erste Mal. Er liebte ihre Überraschungen. Ja, vielleicht kam er deswegen. Vielleicht wollte er ihr nicht glauben, wollte dem Gefühl nicht glauben, das sich langsam in seinem Herzen breit machte und das er verdrängte, so gut es ging.
Er wartete. Er wartete lange. Mittlerweile hatte er sich schon an eine Mauer gesetzt, die Beine angewinkelt. Das Gefühl brach immer mehr aus. Trotzdem wartete er, er gab die Hoffnung nicht auf. Erst als es dämmerte und er noch immer so da saß und auf sie wartete, ließ er das Gefühl frei. Und in diesem Moment wusste er: Es war vorbei.
Nein. Nein. Nein. Hallte es in seinem Kopf. Er ballte die Hände zu Fäusten, biss sich auf die Lippe, spürte das Brennen in seinen Augen, seine Sicht verschwamm. Nein. Nein. Nein. Er schluckte, wollte den Klos in seinem Hals loswerden, doch es klappte nicht. In ihm verschloss sich etwas, ganz fest. Doch gleichzeitig kam etwas in ihm hoch, es staute sich, wollte raus. Er zitterte, schloss die Augen, schluckte. Und dann brach es doch aus. „NEIN!“, schrie er, schlug die Fäuste auf den Rasen unter sich und ein Ruck durchfuhr ihn. Erschöpft ließ er den Kopf auf die Knie sinken, ließ die Tränen los, die sich unaufhaltsam einen Weg durch sein Gesicht bahnten. „Nein, bitte, nein!“, schluchzte er leise.
Sie hatte ihn belogen, betrogen, verlassen. Sie hatte ihn ausgenutzt, hintergangen und verletzt. Sie hatte sich zum Sinn seines Lebens gemacht und ihn im Stich gelassen, hatte ihm gegeben, wonach er so lange gesucht hatte. Sie hatte seine Liebe gespürt und ihm sein Herz genommen. Sie war da gewesen, lange. Sie war für ihn dagewesen, wenn er sie brauchte. Er hatte ihr vertraut und sie hatte es missbraucht. Sie hatte ihm die Kraft genommen, und sie tat es noch immer.


Warum fühlt es sich so fern an, wenn wir uns doch nah sind?
Was bringt mir dieses Leben, wenn du einfach nicht da bist?


Lange saß er dort, weinte, wusste nicht wohin mit sich und seinen Gedanken, seinen Gefühlen, die so durcheinander waren und doch nur eins waren: Schmerz.
Irgendwann durchzog ihn die Kälte und er blickte wieder auf. Es war schon stockdunkel.
Während er langsam nach Hause schlenderte, waren seine Gedanken bei ihr. Was sie wohl grad machte? Dachte sie an ihn?
Wollte er dies überhaupt wissen?
Ihm wurde kalt, aber nicht etwa weil es eine kühle Nacht war, nein. Die Kälte kam  von innen.
Er hatte das Gefühl, als würde er untergehen, in seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinem Schmerz, so stark, so schwer waren sie.


Deine Haut wird ganz kalt
Dein Blick wird ganz leer


Bestimmt lag sie gerade bei einem anderen im Bett, sicherlich dachte sie nicht an ihn. Dabei war heute ihr Tag. Melina-und-Tom-Tag. Da wurde es ihm wieder bewusst: Diesen Tag gab es nicht mehr. Es gab keine Melina mehr. Nicht für ihn. Wieder brannten seine Augen, doch diesmal ließ er den Tränen sofort freien Lauf. Sie waren zu stark, als dass er sie hätte aufhalten können. Genau wie Melina. Es kam ihm absurd vor, dass er seine Tränen mit ihr verglich, aber war es nicht so? Sie hatte sich durchgesetzt, er hatte keine Chance gehabt. Er hatte sie nicht halten können. Sie war gegangen, hatte ihn verlassen. Ein leises Schluchzen kam über seine Lippen. Er wollte wegrennen, weg von seinen Gefühlen, von dem Schmerz, von der Sehnsucht, die er schon jetzt verspürte. Doch wo sollte er schon hin? Es würde alles bleiben. Er würde sie weiterhin lieben.


Als er endlich, nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam, Zuhause ankam, hörte er seine Mutter in der Küche telefonieren. Wieder mied er es, sich zu zeigen und ging direkt in sein Zimmer. Erschöpft ließ er sich auf sein Bett fallen.


Dein Atem wird leise
Dein Kopf wird ganz schwer.


 

****

****


„Tom? Aufstehen!“ Das einzige, was Bill als Antwort bekam war ein Grummeln das unter der Bettdecke hervorkam. “Tom, du hast verschlafen! In zehn Minuten kommt der Bus!“ Schon wurde ihm die Bettdecke weggerissen. Kurz darauf zog Bill ihm das Kissen unterm Kopf weg. „Mann Bill!“, rief Tom heiser und blinzelte.
„Komm schon, Tommylein, die Schule ruuuuft!“, sagte Bill übertrieben und mehr singend als sagend. Tom stöhnte genervt. Warum auch immer Bill gute Laune hatte, er teilte sie nicht. Seufzend erhob er sich und rieb sich die Augen. „Beeil dich!“ Bill riss seinen Schrank auf.
Kurz darauf folgte ein leises „Oh mann“ Tom grinste leicht, Bill war es nicht gewöhnt von Riesen-Klamotten begrüßt zu werden. „Nee, also such dir deine Sachen selbst!“, sagte er während er sich ein grünes Cap von Tom aufsetzte. Tom lachte bei dem Anblick, Bill mit seinen Rocker-Klamotten und dem Cap, zu schade dass er gerade keine Cam da hatte. Doch Bill sah ihn geschockt an. „Tom, was ist passiert?“ Tom verstand nicht ganz was sein Bruder da von ihm wollte, doch dann begriff er und sein Lachen verstummte und nahm seine gute Laune mit. „Deine Augen und …“
„Sag nichts.“
„Hat sie-“
„Ja verdammt!“ Es sollte  sauer klingen, aber das tat es nicht. Sein Blick fiel auf das Bild, das auf seinem Schreibtisch stand. Das Bild zeigte sie beide, im Grunde genommen waren es  zwei. Auf dem größeren waren sie beide drauf, sie standen neben- bzw. voreinander und er hatte ihre Hände auf ihre Hüften gelegt, während sie die Arme um seinen Rücken geschlungen hatte. Beide lächelten glücklich in die Kamera. Entstanden war das Foto nach einem Kino-Besuch mit Bill und seiner damaligen Freundin. Das Foto wurde von einem roten Rahmen festgehalten auf dem in der linken oberen Ecke ein rosa Herz aufgeklebt war. In die untere rechte Ecke
hatte Melina nachträglich ein Passfoto gesteckt, auf dem sie ihn auf die Wange küsste und er grinste. Das Foto war aus Spaß an der Freude entstanden. Ehrlich gesagt fand Tom den Rahmen kitschig und Fotos stellte er sonst auch nicht auf. Aber sie hatte es ihm zu ihrem einjährigen geschenkt und wenn man es genau nahm, so schlimm fand er es auch nicht. Es war immer eine schöne Erinnerung gewesen, in Verbindung mit dem Einjährigen hatte es Bedeutung und wenn er morgens aufwachte, war es meist das erste was er sah und was ihm ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Aber jetzt, jetzt weckte es wieder den Schmerz in ihm, die Trauer, die Wut, die sich langsam dazu gesellte, aber wenig später wieder verschwand, und die Tränen, die er diesmal erfolgreich unterdrückte. Niedergeschlagen sah er auf den Boden. „Hey …“ Bill nahm das Cap ab und setzte sich neben ihn. Tom brauchte nichts sagen, Bill verstand ihn auch so. Er nahm ihn einfach in den Arm, und nun weinte Tom doch, obwohl er es nicht wollte. „Ich hasse sie!“, schluchzte er und Bill lächelte. Er wusste, dass Tom sich jetzt versuchte etwas einzureden. Sie hatte sein Leben auf den Kopf gestellt und nun war sie weg, das machte ihn unsicher, verletzte ihn, zog ihn runter. Bill wusste, wie viel Melina seinem Bruder bedeutete und im Moment schien wohl Hass die beste Lösung dieses Problems zu sein. Tom wusste, dass Bill ihm nicht glaubte, er glaubte es ja selbst nicht, nein, er wusste es besser. Er liebte sie. „Aber wenn ich sie hasse, dann ist sie mir wenigstens nicht so wichtig!“
Aber du hasst sie nicht, dachte Bill und Tom dachte das gleiche.
„Was nützt es wenn du dich selbst belügst? Das ist auch nicht viel besser, weil dann irgendwann wieder alles hochkommt. Vielleicht sollte sie einfach wissen was sie dir angetan hat.“
„Antut“, flüsterte Tom. Bill nickte. „Jetzt ist mein Leben zu ende.“ Bill musste kurz lachen. Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte Bill schon Liebeskummer gehabt und wusste wie er sich fühlte. Er wusste wie das Gefühl war, als würde alles keinen Sinn mehr machen. Doch Tom kannte es nicht. Ja, in den letzten Tagen hatte er schon einiges durchgemacht, aber die Gewissheit, dass sie nun ganz weg war, war noch schlimmer. Der Schmerz, die Trauer, das Gefühl von Einsamkeit, Ausgenutzt-Sein, im Stich gelassen-Sein, das alles fühlte sich so schlimm an, zog ihn so runter, machte ihn fertig.
„Jungs? Euer Bus ist weg und – oh.“ Verwirrt blieb ihre Mutter in der Tür stehen, sah von einem Zwilling zum anderen.
„Mh“, machte Tom und versteckte seinen Kopf unter der Bettdecke.
„Was ist denn los?“ Bill sah seine Mutter nur an, sie würden später darüber reden. „Okay. Aber ihr fahrt zur nächsten Stunde bitte, ja?“ Bill nickte und dann war er wieder mit Tom alleine.
„Bill? Muss ich jetzt sterben??“ Er wusste dass es wahrscheinlich albern war, aber er fühlte sich so klein, als würde die Welt untergehen, er hatte das Gefühl, dass es ohne sie nicht mehr ging. Klar, Bill war da, aber sie hatte ihm das gegeben, was Bill ihm nun mal nicht geben konnte. Und jetzt,  jetzt hatte sie ihm dies  wieder genommen, ihren Halt, ihre Unterstützung … ihre Liebe. Ganz langsam war sie fort gegangen, ihm gleichzeitig so nah gewesen, hatte nach etwas gesucht, was er ihr nicht geben konnte.   

Was bringen meine Worte, wenn du sie nicht hörst?
Was bringt meine Liebe, wenn du sie nicht spürst?

Erst zur großen Pause betraten die Zwillinge den Schulhof. Automatisch suchte Toms Blick Melina, doch er konnte sie nicht finden. Wahrscheinlich war sie mit ihren Mädchen auf dem Klo, nachschminken und so was. Für irgendeinen Kerl, auf den sie nun stand. Wütend ballte er die Fäuste zusammen und spürte gleichzeitig wieder den Schmerz in sich aufkommen. Und er sollte Recht behalten. Wenig später kam sie aus dem Mädchen-Klo, lachend, mit einer Freundin, Samira, wie Tom erkannte. „Tom …“ Bill zupfte ihn am Ärmel, doch Tom blieb stehen, konnte sich nicht bewegen. Bebend vor Wut, vor Trauer, vor Schmerz, stand er da, mitten auf dem Schulhof und sah zu, wie Melina, die doch eigentlich seine Melina war, seine Freundin, mit Samira auf eine Gruppe zuging. Die Leute waren in ihrer Klasse, das wusste Tom, er kannte ein paar davon. Als die Mädchen bei der Gruppe ankamen, wurde Melina von einem Kerl in den Arm genommen, sie lachte. Eifersucht mischte sich zu seinen Gefühlen hinzu.
„Sie spielt“, sagte Bill leise neben ihm, doch Tom nahm die Worte seines Bruders kaum wahr. Jetzt lachte die ganze Gruppe und der Junge der Melina im Arm hielt, Tom glaubte sich zu erinnern, dass er Chris hieß, haute ihr spielerisch auf den Hintern. Toms Wut wurde noch größer. Er wusste, dass sie nur spielte. Vielleicht hatte sie doch noch etwas für ihn übrig, aber warum hatte sie ihn dann verlassen? Warum spielte sie sich selbst etwas vor, warum sagte sie ihm nicht, was ihr fehlte, wenn ihr etwas fehlte? Warum hatte sie ihn betrogen, so eiskalt, ihn ausgenutzt, warum?

Warum können wir beide uns der Wahrheit nicht stellen?
Warum kann ich dieses Loch in deinem Herzen nicht füllen?  

Es schellte, doch Tom blieb stehen, konnte sich nicht bewegen, wie betäubt stand er da, sah nur sie an, spürte die Sehnsucht in sich aufkommen, den Drang, zu ihr zu gehen, sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen. Doch, sie drehte sich nicht um, sah ihn nicht. Vielleicht wusste sie, dass er da war. Doch wenn sie es wusste, dann verdrängte sie es. Verdrängte ihn. Aber, wenn sie es doch wusste, wenn sie es doch spürte, wenn sie noch etwas für ihn empfand, warum ließ sie es nicht zu? Oder, empfand sie nichts mehr für ihn? War er ihr wirklich so schnell schon komplett egal? Bedeutete er ihr denn gar nichts mehr? Wahrscheinlich. Und als sie jetzt den Arm um Chris legte und die beiden  –fast als letzte - mit den anderen ins Gebäude gingen, wurde Tom diese Wahrscheinlichkeit bewusst. Und sie machte ihn fertig. Er zitterte, hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, seine Knie wurden weich. Sie war weg. Und diese Gewissheit zerstörte ihn. Ließ ihn hilflos auf die Knie sinken.

Was hat dich so zerissen?
Was hat dich so verletzt?
Was hat dich und dein Leben
Und dein Herz so zerfetzt?

2

 

„Tom wenn du keinen Hunger hast, dann lass es stehen, aber hör auf da so rumzustochern.“ Tom ließ sie Gabel auf den Teller sinken und starrte auf das Essen vor sich. „Hast du wenigstens in der Schule was gegessen?“ Seine Mutter bekam nur ein Schulterzucken als Antwort. Über einen Monat war es nun schon her, dass Melina Schluss gemacht hatte, und Tom ging es noch genauso schlecht wie vorher. Natürlich ließ das auch seine Mutter nicht kalt und sie machte sich schon Sorgen um Tom, aber sie wusste, dass sie ihm auch nicht helfen konnte. „Darf ich aufstehen?“, fragte Tom ohne den Blick zu heben und stand auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Bill und Siemone sahen ihm seufzend nach, während Tom mit gesenktem Kopf die Treppe hoch stapfte. Kurz darauf hörte man dumpf seine Hip-Hop-Musik. Bill schüttelte den Kopf und schob sich eine Nudel in den Mund. „Sie macht ihn kaputt.“
Außerhalb von Zuhause war Tom schon wieder der alte, er dachte nicht mehr jede Sekunde an sie, doch trotzdem nicht viel weniger als vorher. Doch sobald er Zuhause oder allein war, ließ er alles raus. Immer noch lag er abends meist lange wach, dachte an sie, ging immer wieder alle Möglichkeiten durch, an seiner Situation etwas zu ändern, wieder mit ihr zusammen zu kommen. Und stellte jedes Mal fest, dass es keine Möglichkeit gab. Noch immer weinte er still, trauerte ihr nach. Noch immer wünschte er sich nichts sehnlicher als wieder mit ihr zusammen zu sein. Noch immer hatte sie kein Wort mit ihm gesprochen und noch immer wartete er auf den Moment, in dem sie zu ihm kommen würde und ihm sagen würde, dass sie ihn immer noch liebte. Doch er wusste, dass das niemals vorkommen würde. Und doch hüpfte doch jeden Morgen, wenn er aufwachte und zur Schule ging, ein Funken Hoffnung in seinem Herzen.
 „Irgendwas muss doch zu machen sein …“, überlegte Siemone, doch Bill schüttelte nur lahm den Kopf. „Da ist nix zu machen.“  Siemone stützte den Kopf in die Hände. „Sie war so ein liebes Mädchen …“ Du redest wie Oma, dachte Bill, doch es war ihm eben so ernst um Tom  wie seiner Mutter. „Wieso macht sie ihn so kaputt?“ Bill glaubte Tränen in den Augen seiner Mutter zu erkennen und streichelte ihr über den Arm. „Es muss doch irgendetwas geben, was ihn zumindest ablenkt.“ Jetzt stiegen auch Bill Tränen in die Augen, doch er verdrängte sie, obwohl er wusste, dass seine Mutter es spürte. Trotzdem löste er sich jetzt aus ihrer Umarmung und stand auf. „Ich geh mal nach ihm gucken.“ Siemone nickte nur und seufzte. Vorsichtig öffnete Bill die Tür zu Toms Zimmer. Dieser lag, wie sooft in letzter Zeit, auf dem Bett und starrte an die Decke. Als Bill näher an ihn trat, sah er, dass Tom geweint hatte.  

 

 

 

 

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